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Armenien dreht sich von Moskau weg. Was die Mächte dazu sagen.

Am 4. und 5. Mai 2026 hat Armenien zum ersten Mal überhaupt einen direkten Gipfel mit der EU abgehalten. Russland spricht von einem Schlag gegen das eigene Land. Washington verweist auf einen Vertrag, den Trump schon längst unter Dach und Fach hat. China schweigt mit Absicht. Die Türkei schickt nur den Vize. Eine Lesart der widersprüchlichen Signale aus Moskau, Washington, Peking und Ankara.


In Jerewan trafen sich Anfang dieser Woche rund 50 Staats- und Regierungschefs zum Gipfel der europäischen Staaten. Am Tag danach folgte der erste eigene Gipfel zwischen Armenien und der EU. Ratspräsident Costa und Kommissionspräsidentin von der Leyen unterschrieben mit Premier Pashinyan einen Vertrag. Es geht dabei um Strom, Verkehr und Internet-Verbindungen zwischen Armenien und der EU. Eine kleine Republik, die 2014 unter Druck Putins der russischen Wirtschaftsunion beigetreten ist, holt sich heute Brüssel ins Wohnzimmer. Die Reaktionen aus den Staatsmedien der grossen Mächte fallen so unterschiedlich aus wie die Interessen, die im Kaukasus zusammenkommen.

Was die Staatsmedien melden

Russland

Die russische Staatsagentur TASS holt mit einem Politologen aus. Andrej Bystritsky bezeichnet den Gipfel als politische Geste. Es sei aggressive Hetze gegen Russland zu sehen.

„Westeuropa wollte aus diesem Gipfel ein Schlag gegen Russland machen. Erreicht haben sie aber wenig mehr als das." Andrej Bystritsky, Politologe, zitiert via TASS, 5. Mai 2026

Der russische Vize-Premier Alexej Owertschuk legt nach. Wer der EU näher kommen wolle, könne nicht gleichzeitig in Russlands Wirtschaftsunion bleiben. Damit erinnert Moskau, dass es Armenien 2014 selbst in genau diese Union gezogen hat. Ein zweiter russischer Politologe, Dmitri Sorokin, ergänzt. Das Treffen sei Teil einer EU-Strategie, mehr Einfluss im Süden des Kaukasus zu bekommen und den russischen Einfluss zurückzudrängen.

Vereinigte Staaten

Washington redet im Mai 2026 nicht über den EU-Gipfel. Es redet über einen anderen Vertrag, der schon längst unterschrieben ist. Im Januar 2026 hat das US-Aussenministerium ein Papier mit Armenien veröffentlicht. Es geht darin um den sogenannten Trump-Korridor.

„Dieses Rahmenabkommen schafft einen klaren Weg, eine Verkehrsverbindung quer durch armenisches Gebiet aufzubauen." US-Aussenministerium, gemeinsames Statement zum TRIPP-Rahmenabkommen, Januar 2026

Dieser Korridor ist nichts Neues. Er hiess früher Sangesur-Korridor und wurde nach Trump umbenannt, als er den Friedensdeal vermittelte. 43 Kilometer lang. Eine Bahnstrecke, eine Pipeline für Öl und Gas, eine Glasfaser-Leitung, später wahrscheinlich auch Strom. Der Korridor verbindet Aserbaidschan mit einer Exklave, die durch Armenien vom Rest des Landes getrennt ist. Trump hat den Friedensdeal im August 2025 zwischen Pashinyan und Aliyev im Weissen Haus vermittelt.

Das Wichtige steht im Kleingedruckten. Die USA haben 99 Jahre exklusive Rechte, den Korridor zu entwickeln und zu betreiben. Eine Firma soll die Bahn, die Pipeline und das Glasfaser-Netz bauen. Davon gehören 74 Prozent US-Investoren, 26 Prozent gehören Armenien. Gebaut wird ab Ende dieses Jahres.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte sagte am Rande des Gipfels in Jerewan, die Europäer hätten Trumps Botschaft verstanden. Sie würden jetzt anfangen, eigene Militärbasen zu sichern.

China

Xinhua, die chinesische Staatsagentur, berichtet sachlich. Armenien und die EU hätten einen Vertrag unterschrieben. Sie wollten ihre wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit vertiefen. Mehr nicht. Keine Wertung. Keine Kritik. Kein Lob. Bloomberg ordnet die chinesische Position eine Ebene tiefer ein. Peking will im Kaukasus selbst Geschäfte machen, vor allem mit Bahnstrecken und Erzvorkommen. Aber öffentlich sagt China dazu nichts. Schweigen ist hier eine Strategie.

Türkei

Der türkische Präsident Erdogan war eingeladen. Er kam nicht. Stattdessen reiste Vize-Präsident Cevdet Yilmaz nach Jerewan. Sein erster Besuch in Armenien überhaupt. Ein Foto mit Pashinyan, ein paar Worte, dann wieder weg. Anadolu Agency und TRT World berichten knapp. Die Türkei hält die Optik klein.

Gleichzeitig haben sich türkische und armenische Beamte in Kars getroffen, einer Stadt im Osten der Türkei. Die Bahnlinie zwischen Kars und der armenischen Stadt Gjumri war seit 1993 geschlossen. Sie soll bald wieder fahren. Das türkische Aussenministerium betont, beide Seiten wollten das schnell.

Was Reuters, AFP und dpa dazu sagen

Die westlichen Agenturen schreiben in fast denselben Worten. Reuters spricht von einem historischen Wendepunkt für die Kaukasus-Republik, die ihre Bindung an Russland vorsichtig löse. AFP nennt es einen vorsichtigen Wechsel weg von Moskau in Richtung Brüssel.

Ratspräsident Costa wird in Jerewan zitiert. Er danke Pashinyan für die mutigen Entscheidungen, mit denen dieser Armenien näher an die EU heranführe. Klassische Diplomatensprache, die in den Hauptstädten der EU auf Beifall zielt.

dpa und die deutschen Auslandsredaktionen erklären den Wechsel mit der Vergangenheit. Sie verweisen auf 2023. Damals hat Aserbaidschan die Region Bergkarabach erobert. Die russischen Soldaten, die dort eigentlich Frieden sichern sollten, haben nichts getan. Daraus, sagt der westliche Tenor, ergebe sich der heutige Schritt. Pashinyan reagiere darauf, dass Russland Armenien im Stich gelassen hat.

Das Bild, das so entsteht, ist freundlich und einfach. Eine kleine Nation entkommt einem alten grossen Bruder. Westliche Werte gewinnen Boden. Verkehr, Energie, Sicherheit, Demokratie.

Was fehlt

In der russischen Berichterstattung fehlt zuerst das Jahr 2023. Bergkarabach kommt nicht vor. Russisches Versagen als Grund für den Wechsel erst recht nicht. Der Gipfel wird als Übergriff aus Brüssel dargestellt, nicht als Folge eigener Schwäche. Zweitens fehlt der Trump-Korridor. Die russischen Beiträge spielen ihn klein, weil Moskau dort nichts mehr zu sagen hat. Drittens fehlt die eigene Lage. Russland kann gerade nicht im Kaukasus aufmarschieren, weil seine Soldaten und Waffen in der Ukraine gebunden sind.

In den westlichen Berichten fehlt etwas anderes. Wie gross der US-Deal wirklich ist, wird selten benannt. 99 Jahre Pacht. 74 Prozent für ein US-Konsortium. Exklusive Rechte auf armenischem Boden. Im Kern ist das ein langfristiges Pfand. In Reuters und AFP klingt es nach Friedensgeschenk. Auch Pashinyans Lage zu Hause wird selten genau beschrieben. Im Mai 2026 stehen in Armenien Wahlen an. Die Opposition macht ihn für den Verlust von Bergkarabach verantwortlich. Sein Kurs ist nicht so unstrittig, wie es im Westen klingt. Drittens ist der EU-Vertrag erst mal ein Angebot, kein Beitritt. Bis Armenien wirklich Mitglied der EU werden könnte, vergeht ein Jahrzehnt, wenn überhaupt.

Chinas Schweigen ist die spannendste Lücke. Wer in Peking sitzt und in den Kaukasus schaut, sieht zwei Dinge. Russland verliert Boden. Damit verliert es auch ein Stück seiner Rolle als Puffer gegen den Westen. Und die USA bauen sich über den Trump-Korridor eine dauerhafte Position im Kaukasus auf. Beides ist für Peking unangenehm. Aber öffentlich nichts sagen heisst, sich nicht festzulegen, nicht eskalieren, alle Türen offen zu halten.

Die Türkei macht etwas, das im Schatten passiert. Erdogan zeigt sich nicht in Jerewan. Der Völkermord an den Armeniern von 1915 macht so ein Foto innenpolitisch unmöglich. Aber Yilmaz fährt. Die Bahnstrecke Kars-Gjumri wird wieder geöffnet. Über Aserbaidschan ist die Türkei sowieso im Spiel. Klassisches Doppelspiel. Leise Annäherung, keine schlechten Schlagzeilen.

Aserbaidschan, das von Trumps Korridor am meisten profitiert, ist gar nicht da. Aliyev fehlt im Foto. Wenn Armenien jetzt der EU näherkommt, könnte das den Deal politisch komplizierter machen. Baku schaut zu, sagt nichts.

Iran taucht in keiner der Quellen auf. Teheran hat ein klares Interesse, dass die Türkei nicht über den Korridor zu mächtig im Kaukasus wird. Iran ist aber im Mai 2026 mit den Folgen der eigenen Krise gegen die USA von Februar bis April beschäftigt. Das Misstrauen gegen den Trump-Korridor bleibt, äussert sich aber heute nicht öffentlich.

Einordnung

2014 trat Armenien unter Druck Putins der russisch geführten Wirtschaftsunion bei, statt das EU-Angebot anzunehmen, das damals auf dem Tisch lag. 2020 verlor Eriwan einen Krieg gegen Aserbaidschan. 2023 verlor es die Region Bergkarabach komplett, ohne dass die russischen Friedenstruppen halfen. Im August 2025 vermittelte Trump den Friedensvertrag. Der Korridor durch Armenien wurde nach ihm benannt. Im Januar 2026 stand der US-Anteil schwarz auf weiss. Im Mai 2026 holt sich Brüssel den politischen Rahmen.

Das Muster ist klar. Russland verliert seinen alten Hinterhof. Die USA holen sich die wirtschaftliche Substanz und langfristige Hebel. Die EU bekommt das Foto und die schöne Rede. China beobachtet still. Die Türkei baut leise eine Bahnstrecke dazu. Iran wartet ab.

Wer den Kaukasus in zehn Jahren ansieht, wird keinen klaren Gewinner sehen. Sondern eine Region, in der mindestens fünf grosse Mächte gleichzeitig Fuss gefasst haben. Das ist neu. In den 1990er Jahren war Russland allein. Heute teilt es sich den Platz.


Quellen

  1. TASS, EPC Yerevan summit demarche, 5.5.2026: tass.com/politics/2126151
  2. Xinhua, Armenia EU connectivity deal, 5.5.2026: english.news.cn
  3. US Department of State, TRIPP Joint Statement, Januar 2026: state.gov
  4. Bloomberg, China Russia US EU chase Caucasus stakes, 4.5.2026: bloomberg.com
  5. Consilium, EU-Armenia Summit: consilium.europa.eu
  6. Euronews, EPC Yerevan arrivals, 4.5.2026: euronews.com
  7. Wikipedia, 8th European Political Community Summit: wikipedia.org
  8. Wikipedia, Zangezur corridor / TRIPP: wikipedia.org
  9. Eurasia.ro, TRIPP-Aktienanteile, 14.2.2026: eurasia.ro
  10. Turkish Minute, Erdogan-Einladung, 30.4.2026: turkishminute.com
  11. Voice of Emirates, NATO-Rutte-Statement Yerevan, 4.5.2026: voiceofemirates.com