China sagt Nein zu Trumps Iran-Sanktionen. Eine Woche vor Peking.
Fünf Jahre lang lag in Peking ein Anti-Sanktions-Gesetz in der Schublade. Diese Woche hat China es zum ersten Mal aktiviert. Der Befehl an chinesische Firmen: Ignoriert die US-Sanktionen. Sechs Tage bevor Trump in Peking landet. Der iranische Aussenminister sass schon bei Wang Yi. Das ist kein gewöhnlicher Sanktionsstreit. Das ist ein Test, ob das US-Sanktions-Regime im Dollar-Zeitalter noch trägt.
Im Februar 2026 begann der US-Israel-Iran-Krieg. Im April folgte die faktische Waffenruhe. Seitdem läuft eine zweite Front, weniger sichtbar, aber operativ vielleicht entscheidender. Sie verläuft zwischen US-Schatzamt und chinesischem Handelsministerium, zwischen OFAC-Listen und chinesischen Anti-Sanktions-Gerichten, zwischen Bessent und Wang Yi. Am 6. Mai sass Irans Aussenminister Abbas Araghchi in Peking. Am 14. und 15. Mai landet Donald Trump dort. Dazwischen liegen acht Tage und mehrere mögliche Welt-Brüche.
Was die Staatsmedien melden
China
Das chinesische Aussenministerium liess Wang Yi in einer Vor-Kameras-Begegnung mit Araghchi auftreten. Xinhua transportierte die Botschaft.
„Wir glauben, dass ein umfassender Waffenstillstand keinen Aufschub duldet. Eine Wiederaufnahme der Kämpfe ist unklug. Auf Verhandlungen zu beharren, ist besonders wichtig." Wang Yi, chinesischer Aussenminister, zitiert via Xinhua, 6. Mai 2026
Die zweite Aussage, die in der iranischen Pressemitteilung gleichen Tages fehlte, war ein klares Wort an Iran. Wang Yi forderte die sofortige Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs durch die Strasse von Hormus. Das ist kein Friedensgruss. Das ist eine Aufforderung an Teheran, die eigene Drohkulisse abzubauen.
Gleichzeitig hat das chinesische Handelsministerium Anfang Mai chinesische Firmen angewiesen, US-Sanktionen gegen fünf Raffinerien zu ignorieren. Eine davon ist Hengli Petrochemical, die zweitgrösste sogenannte Teapot-Raffinerie Chinas. Das Werkzeug ist das Anti-Sanktions-Gesetz von 2021. Erste Anwendung in der Geschichte des Gesetzes. Chinesische Firmen können auf seiner Grundlage vor chinesischen Gerichten Schadensersatz von Banken oder Versicherern einklagen, die US-Sanktionen befolgen.
Vereinigte Staaten
US-Finanzminister Scott Bessent legte im Weissen Haus offen, was passiert war. Das Schatzamt habe Briefe an zwei chinesische Banken geschickt.
„Ich nenne die Banken nicht beim Namen. Aber wir haben ihnen gesagt, wenn wir nachweisen können, dass iranisches Geld durch eure Konten fliesst, dann sind wir bereit, Sekundärsanktionen zu verhängen." Scott Bessent, US-Finanzminister, Pressekonferenz Weisses Haus, April 2026
Bessent bezeichnete das Programm als Operation Economic Fury, das finanzielle Äquivalent der Bombardierung des Iran. Eine Sprache, die normalerweise vom Pentagon kommt.
Das Schatzamt sanktionierte Hengli Petrochemical Dalian sowie rund 40 Schiffsfirmen und Tanker, die nach US-Lesart zur iranischen Schattenflotte gehören. Operative Drohung: Wer mit iranischem Öl arbeitet, fliegt aus dem Dollar-System.
Iran
Araghchi gab in Peking ein TV-Interview im iranischen Staatsfernsehen. Er sprach über die Strasse von Hormus, das iranische Atomprogramm und die gegen Teheran verhängten Sanktionen. Was Iran in Peking sucht, ist offen. Geld aus China, Diplomatie aus Peking, Schutz vor weiteren amerikanischen Schlägen. Press TV und IRNA berichteten ohne Schmuck. Iran ist im Mai 2026 nicht mehr in der Position, laut zu reden.
Russland
Moskau schweigt offiziell zur aktuellen Sanktions-Episode. Aber am 7. April hatten Russland und China gemeinsam eine von Bahrain eingebrachte UN-Resolution zur Strasse von Hormus blockiert. Begründung: Die Resolution sei einseitig gegen Iran gerichtet. Damit ist die russisch-chinesische Linie festgelegt. Iran wird gegen den Westen geschützt, ohne dass Moskau im Vordergrund stehen muss.
Was Reuters, AFP und dpa dazu sagen
Die westlichen Agenturen wählen einen klaren Frame. Bloomberg spricht von Chinas „beispielloser Herausforderung" und einem Showdown zwischen den weltgrössten Volkswirtschaften. Reuters und AFP nennen Chinas Schritt unprecedented und defiance. Fortune ordnet die Lage so ein: Peking riskiere einen Bruch des globalen Finanzsystems.
Die Lage der chinesischen Banken wird in fast allen westlichen Berichten so beschrieben: zerrieben. Wer US-Sanktionen befolgt, bricht chinesisches Recht. Wer sie ignoriert, riskiert den Ausschluss aus dem dollarbasierten System. Eine Falle, die offenbar von beiden Seiten gleichzeitig zugeht.
Reuters formuliert die diplomatische Lage zurückhaltend. Trump suche „Pekings Kooperation, um Teheran zur Annahme eines Waffenstillstandsvorschlags zu drängen". Klingt nach Routine. Liest sich wie das Eingeständnis, dass Washington den Iran-Krieg ohne China nicht beenden kann.
dpa und der deutschsprachige Tenor folgen meist Reuters mit etwas mehr Distanz. Frame: China handelt im eigenen Interesse, schützt Iran, beobachtet die USA. Weniger Drama als Bloomberg, weniger Konfrontation als Fortune.
Was fehlt
In der US-Berichterstattung fehlt der einfache Punkt. Trump fliegt in einer Woche nach Peking. Wenn er jetzt wirklich Sekundärsanktionen gegen die zwei chinesischen Banken auslöst, kann er den Gipfel nicht mehr abhalten. Die Drohung ist also laut, aber die Operation ist vorsichtig. Bessent spricht von Economic Fury, aber konkret aktiviert wurden die Sekundärsanktionen noch nicht. Das ist Theater mit grossem Megafon, mit kleiner Faust.
In der chinesischen Berichterstattung fehlt etwas anderes. Das Anti-Sanktions-Gesetz ist ein rechtlicher Hebel. In der Banken-Praxis arbeiten die grossen chinesischen Geschäftsbanken weiter mit OFAC-Listen. ICBC und Bank of China prüfen jede Transaktion, weil sie nicht aus dem Dollar-System fliegen wollen. Das chinesische Gesetz schützt die Raffinerien. Es schützt nicht den Bank-Sektor. Peking sagt laut, was möglich ist, und tut leise das, was operativ vorerst notwendig bleibt.
Iran sagt nicht, wie abhängig es wirklich ist. Ohne chinesische Käufer für sein Öl wäre Teheran finanziell in Wochen platt. Wenn China leise zurückrudert, steht Iran allein. Wenn China standhält, gewinnt Iran Zeit.
Russland im Hintergrund profitiert. Wenn das Modell US-Sanktionen ignorieren funktioniert, kann Moskau es kopieren. Russland-Sanktionen sind seit 2022 das andere grosse westliche Sanktionspaket. Putin will sehen, ob Peking durchhält. Aber öffentlich sagt Moskau wenig.
Die Türkei spricht über das Thema kaum. Erdogan ist NATO-Mitglied, hält gleichzeitig Wirtschaftsbeziehungen zu Iran und Russland aufrecht. Türkei lebt von beidem und sagt deshalb nichts.
Saudi-Arabien und Israel beobachten still. Saudi will billiges Öl und keine erneute Eskalation. Israel will, dass das iranische Atomprogramm dauerhaft schwer beschädigt bleibt. Beide warten ab, ob Peking Teheran zur Mässigung zwingt oder ihm Rückendeckung gibt. Die Antwort darauf entscheidet, was im Nahen Osten als Nächstes passiert.
Einordnung
2021 verabschiedete China das Anti-Sanktions-Gesetz nach den US-Konflikten unter Biden. Fünf Jahre lag es in der Schublade. Im Februar 2026 begann der US-Israel-Iran-Krieg. Im April folgte die faktische Waffenruhe. Russland und China blockierten gemeinsam die UN-Resolution zur Strasse von Hormus. Ende April sanktionierte Washington Hengli und 40 Schiffsfirmen. Bessent verschickte Briefe an zwei chinesische Banken. Anfang Mai zog Peking das Anti-Sanktions-Gesetz aus der Schublade. Am 6. Mai sass Araghchi bei Wang Yi. Am 14. Mai landet Trump in Peking.
Das Muster ist klar. China testet, ob es das US-Sanktions-Regime offen aushebeln kann, ohne den Bank-Sektor zu opfern. Trump testet, ob er mit Maximaldrohung Peking zur Mässigung zwingen kann, ohne den Gipfel zu sprengen. Iran hofft, dass China standhält. Russland sieht zu und schweigt. Die Welt sieht ein neues Sanktions-Theater, in dem das Drehbuch nicht mehr aus Washington allein kommt.
Wer in zehn Jahren auf 2026 zurückschaut, wird vielleicht sagen: Hier hat China zum ersten Mal eine eigene Sanktions-Architektur aufgebaut. Vielleicht wird es aber auch heissen: Trump hat Peking zur Räson gebracht. Welche der beiden Erzählungen sich durchsetzt, hängt von einem Mittwoch und einem Donnerstag in Peking ab.
Quellen
- Al Jazeera, Iran's Araghchi holds talks with China's Wang Yi in Beijing, 6.5.2026: aljazeera.com
- CNBC, China presses Iran against resuming war, 6.5.2026: cnbc.com
- Bloomberg, Bessent says Chinese banks warned, 15.4.2026: bloomberg.com
- Bloomberg, Beijing Tells China Firms to Ignore US Sanctions, 2.5.2026: bloomberg.com
- Bloomberg, China Tightens Financial Tap Ahead of Trump-Xi Talks, 7.5.2026: bloomberg.com
- Fortune, China's unprecedented defiance, 4.5.2026: fortune.com
- Foreign Policy, China Bans U.S. Sanctions Compliance Ahead of Trump Visit, 6.5.2026: foreignpolicy.com
- Al Jazeera, Russia and China block UN resolution on Strait of Hormuz, 7.4.2026: aljazeera.com
- Vision Times, US Treasury Sanctions Hengli and 40 Shipping Firms, 1.5.2026: visiontimes.com
- Brookings, Five Things to Watch as Trump Goes to Beijing, May 2026: brookings.edu
- Al Jazeera, China's anti-sanctions law explainer, 7.5.2026: aljazeera.com